Geschichten & Geschriebenes2020-11-16T22:17:07+01:00

Besuch bei Verwandten (Originaltext der Autorin)

Unsere Verwandten wohnten in einem nicht zu großen Umkreis rings um uns herum. Hin und wieder besuchten wir uns gegenseitig, und das war für uns Kinder ein besonderes Ereignis.   So war geplant, die Schwester meines Vaters, Tante Dorothea, genannt Dora, Denecke geb. Moldenhauer, verheiratet mit Ewald Denecke, einem Freund meines Vaters, mit Familie in Ackendorf zu besuchen.  Als ich geboren wurde, am dreizehnten November, rief mein Vater meine Tante morgens an. Sie war überrascht und sagte, „Nanu, Bruder, willst du mir denn schon so früh zum Geburtstag gratulieren?“ Daraufhin sagte mein Vater: „Nein, du sollst mir gratulieren. Wir haben auch eine kleine Dora!“  So kam ich zu meinem Namen. Und Tante Dora Denecke wurde meine Patentante.   Wir wurden nach dem Essen erwartet.  Meine Schwester Anni und ich wurden „fein“ gemacht, der Jagdwagen wurde auf den Hof gebracht, ein Gespann Pferde ausgewählt, und dann ging es bei wunderbarem Winterwetter auf die Reise. Circa anderthalb Stunden. Es gab die Möglichkeit, [...]

Von |30/08/2021|Heimat|

Mir geht es manchmal gar nicht bello oder Kleine Typologie des Mittagsschlafs

Wir wohnten damals in der Seestraße, fast im Grünen, als unsere Tochter meinte, es sei an der Zeit, einen Hund in der Familie aufzunehmen. Ich sei schließlich Lehrer und müsse doch wissen, dass die Anschaffung eines Hundes die Entwicklung von Verantwortungsgefühl bei Kindern unterstütze und das sei pädagogisch sehr sinnvoll. Ganz schön altklug, dachte ich, ist eben meine Tochter, dachte ich, sagte aber weiter nichts. Das war ein Fehler. Leibniz, der Philosoph, soll einst gesagt haben: „Der Hund ist ein von Flöhen bewohnter Organismus, der bellt“, als er gefragt wurde, was er vom treusten Freund des Menschen halte. Wenn es nur das wäre, Flohpulver und ein Maulkorb würden sicher schnell Abhilfe schaffen. Aber meiner Erfahrung nach ist dieser Definition einiges hinzuzufügen, denn meine Frau und ich leben mit diesem Vierbeiner allein, seit unsere Tochter die elterliche Wohnung in Richtung Großstadt verlassen hat. „Wir hätten ihren Wunsch damals einfach sofort erfüllen müssen“, meinte meine Frau, „dann wäre uns dieses Schicksal [...]

Von |20/10/2020|Familie, Tierische Freunde|

Premium Partner

Premium-Partner Du siehst richtig gut aus, Heide. Wenn der Spiegel doch nur antworten könnte. Wird Hans mich heute küssen? Ein schöner Abend war es mit ihm. Wie lange habe ich kein derart vertrautes Gespräch mit einem interessanten Mann geführt? Gut, er ist älter als ich, doch er wirkte jünger. Wie spät ist es? Eine Stunde noch, dann ist er hier. Diese Aufregung. Ich schwitze. Die neuen Schuhe sind hoch, neun Zentimeter hohe Absätze fordern heraus. Bis er kommt, laufe ich barfuß. Mit den Absätzen bin ich viel größer als er. Anscheinend macht es ihm nichts aus. Er sagte, er liebe Frauen, die hohe Absätze tragen und die ihre weiblichen Reize durch geschickte Kleidung erahnen lassen. Schuhe habe ich mir sofort gekauft, das Etuikleid hatte ich noch im Schrank. Es spannt unangenehm. Wenn man sich später näher kennen wird, kommt es bestimmt nicht mehr so darauf an. Hätte ich am Samstag auf der Vernissage keinen engen Rock und Pumps getragen, wäre [...]

Von |14/10/2020|Leben, Liebe|

Ein Abend, den man nie vergisst oder Ein Film über Berlin

Hallo, Gertrud! Sind wir die Letzten? Nein. Kommt rein. 7 Uhr, wie abgemacht. Wir haben dir was mitgebracht, als Dankeschön, ’ne Kleinigkeit. Kein Geschenk. Was ist es denn? Ein Gedicht. Selbstgemacht. Dann zählt es nicht. Hallo Wilfried, altes Haus. Von wem ist dieser Blumenstrauß? Hallo Ina. Wo ist Jan? Mein Mann steht schon am Buffet. Eine herrliche Idee uns ein Video zu zeigen von Berlin. Ein günstiger Termin. Mit dem Beamer? Bin gespannt. Projektierst du’s an die Wand? Oh, Elfriede, hübsche Bluse. Apfelsaft? Nein, Pampelmuse. Hallo Karin. Hallo Harald. Es hat geklingelt. Ich mach auf. Bei C&A im Schlussverkauf. Wer ist da? Herrlich, Gertrud, die Salate. Renate, probier doch mal die Paprika. Wer ist da? Hallo Marlies, hallo Gert. Gestern war’n wir im Konzert. Scampis, oh, mein Leibgericht. Rukula? Nee, mag ich nicht. Die Brötchen, eine Köstlichkeit. Karl ist krank. Das tut mir leid. Die Brötchen sind von Lagemann. Keiner kann so gute Brötchen backen. Ich hab’s im Nacken. Klosterfrau-Melissengeist. [...]

Von |14/10/2020|Gedichte, Satire, Technik|

Stationen des Lebens

Zärtlich streichelte Ewald mit zwei Fingern über ihre kalte, weiße Wange. Am Mittag hatte sie ihm noch, mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln um die Mundwinkel, geantwortet. Dann musste er kurz zur Toilette, nur einmal den Flur hinunter bis zu den Fahrstühlen. Nur für wenige Minuten hatte er sich von ihrem Bett entfernt und da war sie gegangen, einfach gestorben. Wäre er dort gewesen, hätte er sie halten können, er hätte Sturm geklingelt und nach der Schwester gerufen. In seinem Innern schrie eine verzweifelte Stimme: „Anni, lass mich nicht allein!“ Aber aus seinem Mund war kein Laut gekommen. „Herr Naumann", Schwester Hildegard hatte eindringlich auf ihn eingesprochen, „wir hätten nichts mehr für ihre Frau tun können. Sehen Sie, wie friedlich sie aussieht. Sie wollte nicht mehr kämpfen!" Aber er hatte noch kämpfen wollen! Er war noch nicht bereit. Und jetzt lag sie hier in diesem fremden Zimmer, in das die Patienten gebracht werden, wenn sie keine Patienten mehr sind. Schwester Inga [...]

Von |24/06/2020|Früher, Leben, Liebe|

Savannentrauma

Ohne dich ist alles nichts. Das Nichts ist ohne dich überall Unerträglich. Scharf biss der Geruch nach Elefantendung in der Nase. Der Land Rover holperte über die unwegsame Sandpiste. Tom hielt den Haltegriff fest umklammert. „Das ist die Erfüllung deines Traumes?“, witzelte er mit einem Seitenblick auf Elena, die, wie er, auf dem Rücksitz des Land Rovers saß und sich krampfhaft an den Vordersitz klammerte, um nicht mit dem Kopf an die Fahrzeugdecke zu stoßen. „Mit vierzig Sachen über eine Sandpiste zu preschen und sich einen Bandscheibenvorfall zu holen?“ Elena strahlte ihn an, nickte. “Ja, mein zwanzig Jahre alter Lebenstraum ist endlich real.“ Mit Blick auf Hamisi fuhr sie fort: „Nur gut, dass du einen Fahrer gebucht hast, der sein Handwerk versteht. Als Selbstfahrer wären wir in diesem unwegsamen Gelände längst aufgeschmissen.“ Selten hatte Tom sie so strahlend gesehen. Innerlich beglückwünschte er sich zu seinem gelungenen Geschenk, das das High-light ihres Wochenendes auf Sylt dargestellt hatte. Drei Tage genossen sie [...]

Von |20/09/2018|Familie, Reisen|

Mausmenschen

Als der letzte Patient für heute mein Sprechzimmer betrat, beschlich mich ein ungutes Gefühl und die Ahnung, dass ich mal wieder zu spät ins Krankenhaus käme.  Natürlich ließ ich mir von meinen Gedanken nichts anmerken, sondern faltete meine Hände auf dem Schreibtisch und beugte mich leicht vor: „Mister Twelve, was kann ich für Sie tun?“ Der Monitor zu meiner Linken zeigte mir Mr. Twelve als neuen Patienten.  Als einziger Eintrag zu seiner Person stand der heutige Termin auf dem Display und darunter eine Reihe von Fragen zu Vor- und chronischen Erkrankungen, die jedem neuen Patienten gestellt wurden. Beizeiten würde ich sie selbst beantworten,  handelte es sich doch um reine Routine und hatte in den meisten Fällen gar keine Relevanz für die aktuelle Diagnose. Im Krankenhaus wartete ein neuer Dienstplan auf mich, und wie immer war ich gespannt, ob ich endlich für eine Operation zugelassen war. Mein Gegenüber trug ein schäbiges Tweedjackett mit braunem Karomuster und Wollklümpchen an den Ellenbogen, die [...]

Von |20/09/2018|Uncategorized|

Löwenherz

Wilma starrte durch die Dachluke in den sternenklaren Himmel. Sie presste ihre Nase tief in die flauschige Mähne ihres Stofflöwen, den Oma aus dem groben Leinen eines alten Kartoffelsacks genäht hatte. Das Schwanzende zierte Strohtau, die Augen waren Knöpfe verschiedener Größe: auf einem schwarzen großen lag ein kleiner weißer Knopf. Die Mähne aber war das Schönste: flauschig, weil sie aus dem Kragen eines abgetragenen Mantels ihres Vaters genäht war. Und an ganz wenigen Stellen konnte Wilma auch nach vier Jahren noch den Geruch des Vaters wahrnehmen. Letztes Weihnachten hatte Mama ihr den Löwen mit einem Brief von Papa gegeben. Mama hatte ihn ihr so oft vorgelesen, dass das graue Papier schon ganz weich und an den Knicken eingerissen war. Eine Stelle gefiel Wilma besonders gut: „Weißt Du,  Prinzessin, alle Löwen haben ein tapferes Herz. Wenn Du Dich mutlos und traurig fühlst, horche genau: dann kannst Du das Herz des Löwen schlagen hören. Das wird Dir wieder Mut machen.“ Wilma horchte [...]

Von |20/09/2018|Familie|

Klick!

„Also, Mama, wie immer! Du weißt ja, dass gleich Evelyn kommt und sich um dich kümmert.“ Er löschte das Licht im Flur und drückte auf den Fahrstuhlknopf. Seit zwei Jahren schon lag seine Mutter im Wachkoma, am Leben gehalten durch ein Beatmungsgerät. Das rhythmische Keuchen, das die Maschine hervorbrachte - pffft, pffft, pffft-  gehört seitdem zu Johanns Alltag. Es weckte ihn morgens und begleitete ihn abends in den Schlaf.   Der Aufzug war sofort da, perfekt! Heute würde es ein guter Tag werden. Kühler Wind strich über seine Stirnglatze. Die Haare, die ihm noch geblieben waren, kämmte er gewöhnlich mit einem nassen Kamm über die kahlen Stellen seines Kopfes. Doch schon ein leichter Luftzug genügte, um die dünnen Strähnen ihres Platzes zu verweisen.  Der graue Gürtel, der seine Hose hielt, kniff ein bisschen in der Taille. Sein ebenfalls graues Jackett war in der Schulter etwas zu weit; nur wenn er aufrecht stand, passte es ganz gut. Fast die Hälfte seines [...]

Von |20/09/2018|Beruf|

Holznapf oder Goldener Teller

„Uuund Kamera ab!“ „Heute sind wir im sogenannten Restaurant `Holzschwammerl`. Wollen doch mal sehen, was die Küsche dort für uns, liebe Zuschauer, bereit hält. Hoffentlisch ist es was Leckeres. Was wirklisch Delikates habe isch lange nischt mehr gegessen, so wie zum Beispiel die gerösteten Fritten mit frittierten Stäbschen vom Fisch, die wir letzte Woche im „Schützenhof“ verkostet haben. Jetzt sind wir gespannt, was uns das `Holzschwammerl“ zu bieten hat. Bis gleisch nach der Werbung!“ „Und Kamera aus! O. K., Uli, gut gemacht. Fred, hast du alles im Kasten? Okay.“ Vollmer, der Regisseur, knotete seinen Schal vor dem Hals zusammen. Im einen Mundwinkel hing ein angerauchter, kalter Zigarillo, während sich im anderen weißer Speichel gesammelt hatte. Vollmer würde alles dran setzen, dass diese Sendung „Holznapf oder Goldener Teller“ ein Quotenrenner würde, auch mit einem mehr als knappen Budget. Das Konzept hatte er von der Konkurrenz abgekupfert und aufgepeppt. Bei dem neuen Fernsehsender Contra 1 war sie Sprungbrett zum Erfolg. Er würde [...]

Von |20/09/2018|Familie|